Paradiso

1

„Auch unsere säkularisierte und profanierte Welt kommt nicht ohne Vorstellungen von Paradiesen aus. Nicht selten handelt es sich dabei um eine imaginierte Ferne, welche die Mühen des Alltags vergessen lässt. Die Sehnsucht nach diesem Ort projiziert sich – möchte man als Aussteiger nicht ganz unsere Gesellschaft verlassen – auf die wenigen Urlaubswochen des Jahres, in denen man das Weite sucht. Die pragmatische Moderne hat sich schon längst damit abgefunden, dass Paradiese auch künstlich sein können, dass sie sogar im Regelfall nur noch konstruierte Surrogate des vermeintlich Paradieshaften sind. Diesen Aspekt untersucht die fotografische Serie PARADISO 122 von Christa Zeißig.

Von ihrem Kontext her betrachtet könnte Zeißigs Serie zur Reisefotografie gerechnet werden, also zu jenem Genre des Mediums, das in seinen Anfängen Bilder der Fremde, von Architekturen und Landschaften, Genreszenen und pittoreske Typen festhielt und verbreitete: Das südliche Arkadien, die großen Stätten des Abendlandes, die entlegenen Territorien im fernen Osten. Im 20. Jahrhundert führte sie zum Aufstieg der Fotoindustrie und der Amateurfotografie: Stolz vor dem eigenen Käfer auf dem Brenner und an den Gestaden des Mittelmeers. Diese Bilder schwingen als verblichene Reminiszenzen mit, wenn man Zeißigs konsequente fotografische Bestandsaufnahme der heutigen italienischen Adriaküste betrachtet, in ihrer architektonischen Trivialität und Monstrosität, aufgenommen zwischen Bibione, Caorle, Jesolo, Rimini, Riccione und Lignano.

Christa Zeißigs Dokumentation setzt zum richtigen Moment ein. „Kurz vor der Explosion“, wie sie es selbst beschreibt, im Frühjahr 2009, bevor die Urlaubssaison wieder beginnt. Ihre Aufnahmen der Hotelanlagen, Badeanstalten und Strandclubs sind noch menschenleer. Doch alles scheint darin schon vorbereitet zu sein, die Ladenplakate sind gestrichen, der Müll beseitigt, nur einige Palmen warten hie und da noch darauf, von ihrem Plastikkorsett des Winterschlafs befreit zu werden. Zeißig bedient sich einer distanzierten Sichtweise, oftmals wählt sie die frontale Ansicht, die in der Fotografie dokumentarischen Stils seit Walker Evans für eine nüchterne, rein registrierende und objektivierende Haltung steht, als ob sich die Fotografin als Person aus der Darstellung zurückziehen könnte. Das Augenmerk gilt ganz der Architektur, ihren Fassaden und ihrem Repertoire an Zeichen.

So entwickelt die Fotografin eine Bildsprache, deren formale Qualität sich gerade auch aus der Unzulänglichkeit der Architektur speist, ihrer strukturellen Einfachheit und Repetitionen. Die seriellen Aufnahmen von Hoteltürmen im Hochformat etwa formen eine Typologie, welche die verschiedenen Baukörper zueinander in Beziehung setzt und vergleichbar macht. In anderen Aufnahmen spielen Details eine wichtige Rolle, die Papageien und Delphine, als Wandfresko auf dem Strandlokal oder als Mülleimerskulptur, die Flaggen im Wind als Ausweis von Internationalität, aber vor allem die vielen Palmenimitate aus Plastik. Das Paradies, das diese Zeichen entwerfen, ist nicht mehr das einer ausschließlichen „Italianità“, sondern einer diffusen, etwas amerikanisierten Südsee-Exotik. Nicht zuletzt führt Zeißig die formale „Arbeit am Bild“, welche in der Schwarzweiß-Tradition so gut mit der grafischen Architektur der Strandbäder einhergegangen ist, in die heutige digitale Praxis der nachträglichen Bildbearbeitung hinüber, wenn sie beispielsweise aus zwei Einzelaufnahmen ein synthetisches Panorama formt, das die totale Ummodelierung der Landschaft in einen einzigen Strand zum Ausdruck bringt.

Ginge es Christa Zeißig nur um eine wohlfeile Kritik des billigen Massentourismus, so hätte sie eine Beschau der geölten oder geröteten Körper vornehmen können, die während der Saison wie Sardinen in einer Büchse nebeneinander liegen. Ihre fotografischen Studien der gebauten Urlaubsparadiese an der italienischen Adriaküste hingegen erfolgen zu einem Zeitpunkt, an dem diese Bade- und Tourismuskultur längst schon ihren Zenit überschritten zu haben scheint. Die Teutonen, die es in der Nachkriegszeit noch in Scharen an diese Strände trieb, zieht es längst schon auf Mallorca oder noch weiter an die Sandstrände Asiens. In dieser Hinsicht wirkt die Arbeit der Fotografin wie die einer Ethnologin, welche die Bauwerke einer bald verschwindenden Epoche noch einmal festhält, so als wollten ihre Aufnahmen in der langen Geschichte italienischer Veduten einmal Zeugnis davon ablegen, welche Vorstellungen vom Paradies man zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit dieser künstlichen Landschaft verbunden hat.“


Florian Ebner
Museum für Photographie Braunschweig

La Fortezza
Zu Christa Zeißigs neuer fotografischen Arbeit PARADISO 122