In Europa: Über Dörfer

„Im Zentrum meines fotografischen Langzeitprojektes steht die Idee der Authentizität anderer Lebenswelten, die von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen geprägt sind. Ich suche exemplarisch abgelegene, noch ländliche Regionen auf und dokumentiere das Leben und die Arbeit der Menschen dort, ihre traditionellen Sitten und Gebräuche, die – noch – von Familie und Dorfgemeinschaft aufrecht erhalten und getragen werden. Ich gebe Einblicke in das Leben einer Bevölkerungsgruppe, die überall in Europa existiert, im allgemeinen Bewusstsein jedoch kaum präsent ist. Es mag uns überholt und anachronistisch vorkommen, aber für diese Menschen bestimmt das Regionale immer noch den innersten Zirkel ihres Lebens, es ist ihre Heimat. So erklärt sich der Titel meines Projektes: In Europa: Grünes Blut – Über Dörfer.

Aufgrund der landschaftlichen, ökonomischen, politischen, kulturellen und klimatischen Bedingungen bleiben die Gegenden fern der Metropolen scheinbar unbeeinflusst von der globalen Umwälzung. Aber nur scheinbar, denn in einigen Landstrichen haben die Verstädterung sowie der Einfluss moderner Massenmedien und Kommunikationstechnologien, die Landflucht und die Öffnung für den Tourismus in den vergangenen Jahrzehnten die dörflichen Strukturen bereits stark verändert. Meine Aufnahmen dokumentieren sowohl die historisch gewachsenen und noch bestehenden, aber von kultureller Nivellierung bedrohten Lebens- und Arbeitsweisen als auch die Brüche, in denen sich der Strukturwandel manifestiert.

Dabei geht es mir nicht um eine objektive, lückenlose Dokumentation, sondern im Mittelpunkt steht der einzelne Mensch, wie er sich durch Körpersprache und Mimik, seine Dinge und seine Umgebung ausdrückt: Landschaft, Orte, Straßen und Plätze, Häuser, Innenräume, Mobiliar, Gerätschaften und – nicht zuletzt – die Tiere. Mit ihnen sind diese Menschen eng verbunden, daher nehmen sie auch einen eigenständigen Platz in meinen Fotos ein. Der Betrachter wird mit einer Entschleunigung des Sehens konfrontiert. Das Dorfleben ist langsam, die Veränderungen sind nur im Detail aufzuspüren und kommen im Moment der Fotografie ganz zum Stillstand. Wir sehen Menschen, die dem Landleben und der sie umgebenden Natur verbunden sind und damit in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ihren Platz suchen.“


Christa Zeißig