Braunschweiger Land

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„Es bedarf nicht der Einsteinschen Relativitätstheorie, um glaubhaft zu machen, daß die Wirklichkeitsperzeption von Rennenden eine andere ist, als die von Stehenden. Dem Rennenden sind die Rennenden Stehende, dem Stehenden die Rennenden Rennende. Das ist Erfahrung genug, um die Relativität von Wahrnehmung voraussetzen zu können. In die Autorenfotografie übertragen soll das meinen, daß das Verlangsamen der Wahrnehmung ein probates künstlerisches Konzept sein kann. Und die Fotografie ist wie kein anderes Medium geeignet, den Prozeß der Perzeption langsamer zu machen, individuell wie überindividuell, momentan wie in der Zukunft. Das gibt die Lesart vor, die für die Fotografien von Christa Zeißig, die nicht berufsmäßig, sondern aufgrund ihrer Passion zur Fotografie kam, angemessen ist. Sie hat in den letzten zwei Jahren in ihrer angestammten Region, dem nördlichen Harzvorland, dem alten Braunschweiger Land, Landschaften, Architektur und vor allem Menschen fotografiert und so ein Porträt heutigen Landlebens geschaffen. Ihre Fotografien vermitteln äußerst präzise, eher statuarisch denn dynamisch, wie sich einzelne Landschaften und wie sich die Bewohner dieser norddeutschen Region geben. Alle Möglichkeiten der traditionellen Schwarz- Weiß-Fotografie nutzend, vermitteln ihre Bilder dem Betrachter genaueste Einblicke. Diese Genauigkeit, die sich aus dem Statuarischen ergibt, ist nun aber nicht das Resultat stehender Beweglichkeit, sondern bewegten Stehens (siehe oben). Christa Zeißig ist in den zurückliegenden zwei Jahren sehr viel unterwegs gewesen, mit ihrem Auto wie zu Fuß. Sie mußte sich viel bewegen, physisch wie mental, um schließlich die Momente zu finden, die in ihrer Gefaßtheit bildnerische Aussagekraft entwickeln. Wie es aussieht, gibt es hier ein Wechselverhältnis, die Verlangsamung visueller Perzeption scheint exzessive Mobilität vorauszusetzen.

Schon die Namen der braunschweigischen Orte haben ihren eigenen Klang und wecken Assoziationen. Altenrode, Flachstöckheim, Hornburg, Kneitlingen, Schöppenstedt, Ahmstorf, Süpplingen, Ringelheim, Klein Sisbeck oder Sauingen, diese Ortsnamen lassen allein aufgrund ihrer Phonetik bestimmte Bilder entstehen. Noch deutlicher erschließen sich die Eigenheiten dieser Region jedoch unseren Augen, einerlei, ob wir uns persönlich vor Ort bewegen, oder aber fotografische Abbildungen zu Gesicht bekommen. Das gilt um so mehr für Christa Zeißigs Fotografien. Dem durch die elektronischen Medien sinnesüberreizten Betrachter muß neben der Statuarik und Strenge des fotografischen Stils die Ruhe und Konzentration in Christa Zeißigs Fotografien auffallen. Die Personen, die Sachen oder die Landschaften erscheinen in ihren Massen bildmäßig wohl ausponderiert und auf die Mitte hin akzentuiert. Indem sie ausschließlich in Schwarz-Weiß fotografierte und damit schon im Ansatz eine Abstraktion vornahm, entging sie der Gefahr, daß Farben in ihren Bildern ihr den Vorwurf des blanken Naturalismus einbringen. Ansonsten wechselt ihr fotografischer Zugriff von der Fern- in die Nahsicht, von der Übersicht zur Detailaufnahme und umgekehrt. Bei der Wahl der Objektive verzichtete sie auf extreme Weitwinkel- und Teleobjektive. Die so durchgehend im Außenraum und bei Tageslicht fotografierten Bilder geben das Bestreben nach Ausgewogenheit zu erkennen und sind auf kontemplatives Betrachten ausgerichtet.

Das ist die Beschreibung der Form in ihrer klaren Prägnanz. Thematisch erleben wir das Braunschweigische Land mit seinen kleineren Orten und Dörfern als Sozialgebilde mit den traditionsreichen Schützen- und Faschingsfesten, den Feuerwehrübungen, den Landbesichtigungen und ähnlichen ländlichen Riten und Gewohnheiten. Neben den Wohnbereichen treffen wir auf großflächige Landschaften, also einen Kultur- und Agrarraum mit bearbeiteter Natur, in dem Menschen und Tiere in Symbiose zusammenleben. Das Leben auf dem Lande erscheint - relativ gesehen und mit dem Leben in den Städten verglichen - unentfremdet. Daß sich Mensch und Natur gegenseitig formen, ist zwar kein alleiniges Privileg des Landes, denn für das Stadtleben gilt das gleichermaßen, aber auf dem Lande gibt das der unmittelbare Augenschein ungebrochen zu erkennen. Insofern zeigen Christa Zeißigs Fotografien unverstellt, wie Natur, Landschaft, Menschen und Tiere heute aufeinander wirken und koexistieren.

Um beim Dörflich-Ländlichen als dem zentralen Thema dieser Arbeit zu bleiben, wir finden in Christa Zeißigs Fotografien keine realitätsverzerrenden Verklärungen, wie sie die Kunstgeschichte vergangener Zeiten in ihren bukolischen oder arkadischen Bildern kennt. Mit solchen, vorzugsweise mediterranen Landschaften, idealisierten Landleuten und dem scheinbar sorgenfreien Leben in unverfälschter Natur, wie sie die Kunst- und Literaturgeschichte im Hoch- wie im Trivialbereich kennt und ideologisch gegen die Neuerungen der Moderne gesetzt hat, teils sogar als heilsbringende Utopien, damit haben ihre Fotografien nichts gemein. Sie hält uns keinen Spiegel vermeintlich besseren Lebens vor Augen und macht keine Anstalten der Belehrung oder der Wertabstufung zwischen städtischem oder ländlichem Leben, wobei das städtische als das angeblich falsche, weil entfremdete, und das ländliche als das wahre, weil natürliche Leben erscheint. Ihren Fotografien gehen solche wertenden Projektionen ab. Wir bekommen zwar formal geformte Bilder zu Gesicht, aber keine vorgeformten Ansichten.

Ihr Zugriff auf das Braunschweiger Land hat etwas Schwingendes. Einerseits kennt sie die Region aus langjähriger eigener Vertrautheit, andererseits bleibt sie die beobachtende Fremde aus der Stadt. So zeigen ihre Bilder ein hohes Maß persönlicher Einfühlung, zugleich aber auch neben der Empathie eine gewisse Distanz. Es spricht für ihre Vertrautheit mit den aufgenommenen Personen wie für ihren persönlichen Stil, daß sie den Menschen in die Augen sieht und daß sie so für den Bildbetrachter den Eindruck entstehen läßt, es habe ihre Kamera nicht gegeben. Selbst bei den Begegnungen, die darauf hindeuten, daß die angesprochenen Personen für sie vor der Kamera posierten, verflüchtigt sich der Eindruck des Inszenierens. So schwingen die fotografierten Momente zwischen Inszenierung und Zufall wie zwischen Kalkül und Schnappschuß. Ähnlich ambivalent tritt der Humor in Erscheinung, denn dieser gibt sich als freiwilliger ebensowenig wie als unfreiwilliger sofort klar zu erkennen. Mit der formal erzeugten Verlangsamung der Wahrnehmung tritt unerwartet Skurriles und Abwegiges neben Gewohntes. Scheinbar Vertrautes mutiert zu unbekannt Exotischem, das uns anzuziehen beginnt. Das führt zu Bildern, in denen die Subjektivität der Bildautorin, um es mit dem geschriebenen Wort zu vergleichen, weniger in, als zwischen den Zeilen anzutreffen ist.

Fotografien haben wesentlich etwas mit Erinnern zu tun. Sie konservieren Momente, die schon für den nächsten Moment Vergangenheit sind. Christa Zeißig hat die Erscheinungsformen einer weiter untergehenden Kultur fotografiert. Denn der Prozeß der Landflucht, der nicht erst gestern einsetzte, wird sich als reziprokes Phänomen der Verstädterung unserer Gesellschaft auch in den nächsten Jahren fortsetzen. Folglich werden ihre Fotografien in Erinnerung halten, was ländliche Lebensgemeinschaften unter den Bedingungen der Europäischen Gemeinschaft als politischem Verbund und unter den Bedingungen der totalen Informations- und Dienstleistungsgesellschaft bedeuteten. Da unter diesen Unabwendbarkeiten weitere Veränderungen stattfinden werden, belegt mit den Begriffen Internationalisierung und Globalisierung, reifen ihre Fotografien zu vielsagenden visuellen Zeugnissen des Vergangenen, des Braunschweigischen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.“


Dr. Enno Kaufhold (Fotohistoriker)

Landleben im Braunschweigischen - Fotografien von Christa Zeißig
Photonews April 2000