Asse II

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„Christa Zeißig zeigte ihre Bilder im Salon Salder im Jahr 2009. Beim Blick auf ihr Werk wird deutlich, wie hinter der vorgestellten Welt ihrer Aufnahmen in sehr diskreter Weise eine zweite Realität sichtbar wird, in der sich das kritische Bewusstsein der Künstlerin für soziale und politische Fragestellungen abbildet. So werden in ihrem fotografischen Langzeitprojekt über Menschen und Dörfer in Europa jenseits der offensichtlichen Poesie der schwarz-weißen Bilder auch die Bedrohungen deutlich, denen ländliche Strukturen durch Tourismus, Technologie und Landflucht ausgesetzt sind. Oder ihre Serie „Paradiso“ (2008), in der sie menschenleere Hotelanlagen, Badeanstalten und Strandclubs in Italien kurz vor Saisonbeginn und dem Massenansturm der Urlauber fotografiert. Eine seltsame Melancholie liegt über den Bildern. Die sichere Ahnung, dass die paradiesischen Versprechen dieser Bäderarchitektur in keinem Falle eingelöst werden können. Von akutem politischem Bewusstsein getränkt, sind auch Zeißigs Aufnahmen aus der Schachtanlage Asse, einem ehemaligen Salzbergwerk in Niedersachsen. In ihm wurden atomare Abfälle zur Endlagerung untergebracht. Nachdem die Presse über radioaktiv kontaminierte Salzlauge in dem Schacht berichtet hatte, gerieten die Anlage und das Problem der Entsorgung in den Blick der Öffentlichkeit. Zeißigs malerische Aufnahmen von der Salzlandschaft mit ihren roten, kristallinen Verfärbungen wirken wie wilde archaische Landschaften, deren Gefährdung durch radioaktive Kontamination einmal mehr eher indirekt sichtbar wird.“


Michael Stoeber (Kunsthistoriker)

Katalog „20 Jahre Salon Salder“